bist du etwa ein mädchen?

bist du etwa ein mädchen?

Freitag, 21. November 2014

in eigener sache - feministische mutterschaft in blogs

nicht nur die söhne gehen heute ins netz - göttin sei dank!, foto von the waving cat, gefunden auf flickr.com, cc-by-nc-sa


wie bereits in meinem letzten post angedeutet, werden eltern meiner erfahrung nach - die mütter mit ungleich härteren sanktionen versehen - zu 100%, for better or worse, für die entwicklungen und persönlichkeiten ihrer kinder verantwortlich gemacht: im besten fall sind diese irgendwie gesellschaftskonform und damit 'gut geraten'. meistens jedoch gibt es irgendetwas auszusetzen, und dann ist vor allem eine schuld: diemutter. meine andere hälfte und ich sind uns schon in den ersten lebensmonaten des großen kindes ganz schnell einig geworden: wie man's macht, macht man's verkehrt.
für mich bedeutet das folgendes: wenn ich eh dafür verantworlich gemacht werde, dass meine kinder einen schaden haben, dann werde ich dafür sorgen, dass sie genau den schaden haben (werden), den ich für sie für richtig halte. ('ein zopf? der sollte wohl mal ein mädchen werden!')

Jeanna Krömer schreibt in der november-ausgabe der anschlaege.at über social media moms und deren diskussion als narzistische selbstdarstellerinnen, die ihre kinder "einfach zum zweck der selbstdarstellung ausnutzen" bam. ein weiterer punkt auf der liste der schäden.

dabei spricht mir Krömer in ihrem fazit aus dem hirn: nicht nur die gegenseitige unterstützung und hilfestellung, sowie die kontaktmöglichkeiten mit familienmitgliedern über weite entfernungen hinweg, sei für sie entscheidend für die nutzung von sozialen netwerken iminternet:

"Social Media Mom zu sein ist für mich daneben auch eine politische Position. Nicht nur, weil das Private politisch ist, sondern auch, weil einige Kollektivmutterblogs versuchen, nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch die ganze Welt zu verbessern."

meine rede. ich freu' mich schon aufs kollektivieren!

Montag, 17. November 2014

was, wenn das eigene kind an handgreiflichkeiten beteiligt ist?

'Siblings' heißt dieses relief mit dem motiv kämpfender kinder. foto von jurek d.. gefunden auf flickr.com. cc-by-nc 2.0

bisher habe ich aus reinem selbstschutz (denn mütter sind immer, wirklich immer, der grund für die 'verdorbenheit' ihrer kinder) erfolgreich ausgeblendet, dass meine kinder als jungen-identifizierte und mit erwartungen an das verhalten 'richtiger' jungen konfrontierte menschen in die ihnen vorgeschriebene rolle als täter eintauchen und andere kinder drangsalieren (könnten). ich will mit dem folgenden post nicht negieren, dass auch mädchen-identifizierte zu aggressivität neigen können. und keinesfalls soll hier das stereotyp aufgebaut werden, dass 'jungen' immer aggressiv wären. dennoch behaupte ich, dass auf ihnen einer größerer anpassungsdruck in bezug auf aggressives verhalten lastet. und dass sie auch mehr möglichkeiten haben, aggressives verhalten auszuleben, da es als natürlich hingenommen wird.

als es vor einem jahr eine phase im leben meines großen kindes gab, da er seinen besten freund Bruno* offenbar jeden tag haute, schubste und kniff, konnte ich das, nachdem es mir nach vier(!) wochen von dessen entrüsteter mutter vorgeworfen wurde, schnell auf eine psychologische stresssituation zurückführen: wir waren drei monate zuvor in eine andere stadt gezogen, er war im kindergarten gut angekommen, hatte aber kurz darauf seinen erzieher an eine besser bezahlende, vollzeit bietende kita, einen seiner vier neuen freunde an einen anderen stadtteil und zwei weitere an die große gruppe im eigenen kindergarten verloren. plötzlich gab es nur noch Bruno als bezugsperson und Bruno wollte (verständlicherweise) nicht ausschließlich meinem kind als spielpartner zur verfügung stehen. mein kind - das nicht wohin wusste mit seiner trauer - wurde aggressiv. nur bekam ich von seiner aggressivität nichts mit (von der trauer wusste ich dagegen sehr wohl), was offenbar daran lag, das die erzieherinnen sein verhalten mit dem spruch quittierten: 'so sind jungs eben'. dieser konflikt traf mich hart. bis dahin war mein kind dasjenige, das gebissen wurde. aber nicht das, das wiederholt auf andere losging.

dieser tage, anderthalb jahre später, erfuhr ich von der erzieherin Lina*, dass mein kind offenbar im dreierbund mit Bruno und einem weiteren lieblingsfreund die Jule* aus der jüngeren gruppe überredet hatten, in den spielgeräte-schuppen mitzukommen. dort schüttelten sie sie und sperrten sie ein, verbarrikadierten die tür. offenbar wurde mein kind - das dienstälteste - als anführer identifiziert und mit vor-dem-mittag-allein-am-tisch-sitzen bestraft. normalerweise sei ihr motto, was im kindergarten passiere, bliebe auch im kindergarten, aber diesmal müsse sie eine ausnahme machen, sagte Lina noch, bevor sie mich bat, nicht zu schimpfen, aber doch die sache nochmal anzusprechen. das taten wir zuhause, wiederholt, getrennt und möglichst aufgeräumt und bestimmt.

wie sie auf so was kämen, fragte ich mein kind, eine woche später, weil es mir nicht aus dem kopf ging. nicht er, sagte mein kind, sondern der Bruno hätte sich das ausgedacht, weil der die Lara* nicht leiden könne. er hätte die Lara gefragt, aber die hätte nicht mitkommen wollen. da hätte der Bruno den Paul* aus der ganz kleinen gruppe gefragt, aber der hätte auch nicht mitgewollt. schließlich wäre die Jule mitgegangen. wer da nun wirklich was gesagt und getan hat, lässt sich bis hierhin nicht mit sicherheit rekonstruieren. insbesondere nicht, was denn nun der eigentliche grund ist. ich habe die befürchtung - egal wer denn nun wirklich welche initiative ergriffen hatte, dass es die neugier daran ist, durch körperliche strafen macht auszuüben, die diese kinder motiviert hat - und die suche nach einem möglichst leichten opfer sich auf zwei stereotypen fokussierte: auf mädchen und auf kleinere kinder.

ACHTUNG: TRIGGERWARNUNG FÜR DIE NÄCHSTEN DREI ABSÄTZE
mir kommt ein soziologischer aufsatz in den sinn, den ich vor einem knappen jahr gelesen habe. (Gerold Scholz: Zur Konstruktion des Kindes) der autor ist der meinung, dass es 'einfach' in der natur der menschen läge, zu quälen und töten zu wollen und dass diese ursprüngliche natur durch den akt der soziabilisierung quasi 'gebändigt' würde. dennoch sei sie unberechenbar und nie wirklich zu kontrollieren. Scholz diskutiert einen schwer zu begreifenden mordfall: 1993 töteten in England zwei jungenidentifizierte kinder ein anderes jungen-identifiziertes kind - ein mordfall, der auf der grundlage unserer vorstellungen von der unschuld des 'kindes' nicht zu begreifen ist.

um das hier einmal grundlegend festzuhalten: ich halte das für quatsch! weder gibt es eine - wie auch immer geartete - unbeeinflussbare natur des menschen. gerade die entwicklung und geschichte des menschen sollte uns eigentlich zur genüge aufgezeigt haben, wie wandelbar menschen sind und wie wenig gebunden an irgendwelche unabänderlichen biologischen gesetzmäßigkeiten. auch das, was gemeinhin als natur bezeichnet wird, ist in höchstem maße wandelbar und keinesfalls seit jahrhunderten oder seit schon immer und für ewig unabänderlich festgeschrieben. diese lesart schreibt nur jede_n einzelne_n von der verantwortung frei, weiter zu fragen, wieso menschen - egal ob groß oder klein - ihre gefährten quälen. oder sogar töten.

was zu hinterfragen bleibt, sind folglich die gesellschaftlichen strukturen und machtverhältnisse, die dem vorfall im kindergarten zu grunde liegen. wie ist (m)ein kind zu so etwas fähig? wie ist überhaupt ein mensch dazu fähig? welche kategorisierungen befördern die anfälligkeit eines menschen entweder gewalttätig zu werden und sogar zu morden, oder gewalt zu erleiden und sogar einen gewaltsamen tod zu sterben?

ich gebe zu, dass ich angst habe. es nicht zu schaffen, meine kinder, für die ich verantwortung trage, gegenüber diesen gesellschaftlichen strukturen und machtverhältnissen stark zu machen.

ich interviewe mein großes kind alle paar tage, in möglichst anschuldigungslosem tonfall, um keine nachrichtensperre zu riskieren. ich stelle nur ein oder zwei fragen und habe sehr damit zu tun, mir meine üblichen längeren vorträge zu verkneifen und stattdessen nur ein, zwei hinterfragende kommentare einzuschieben. zweifel an den motiven und den dahinter liegenden stereotypisierungen streuen, ohne meinem kind zu vermitteln, dass ich es verurteile. stattdessen betonen, wie wichtig es ist, verantwortung für andere zu übernehmen und sich für sie einzusetzen. ich komme dementsprechend nur langsam voran. und hoffe, das mein steter tropfen den stein gründlich aushöhlt.


alle namen mit * wurden von mir geändert.

Sonntag, 9. November 2014

es war einmal... in der DDR: ein etwas nostalgischer, auf alle fälle reduzierender, aber nicht verklärend gemeinter rückblick

1987 war ich zum fasching im kindergarten als kartenspiel verkleidet. das foto meines - als braut verkleideten - freundes Tomi* kann ich aus rechtlichen gründen zwar nicht posten - aber auch kartenspiele sind heute selten in der kindertagesstätte (wenigstens der meiner kinder) anzutreffen. liebe Wessikinder, wie habt ihr euch damals verkleidet? (*name von mir geändert), foto: all rights reserved

weihnachten 1987 (ja, das haben wir trotz gottlosigkeit und mangel an konsumwaren auch gefeiert): im kleid mit mini-fokuhila auf dem tretauto. liebe Wessikinder, was habt ihr so geschenkt bekommen? foto: all rights reserved

mit den zwei kindern der besten freundin meiner mutti im frühling 1989 beim rolle-um-die-wette-machen. welches bin ich - das einzige meedchen? und welcher hockt hinter der kamera? foto: all rights reserved


 

25 jahre!

Donnerstag, 30. Oktober 2014

mama, bist du manchmal eine hexe?

die schwarz-roten ringelsocken gehören auch zu meinen lieblingen - foto von garlandcannon, gefunden auf: flickr.com, cc by-sa
mama, bist du manchmal eine hexe?
so fragte neulich mein großes, sehr schlaues kind. wie er darauf komme, fragte ich lachend, und er antwortete, weil mein freund M. es gesagt hat. ich wusste nicht so recht woher das kam, war ziemlich zerstreut zwischen badtür, nassen sachen wechseln, händewaschen, abendbrot vorbereiten, ofen anmachen und allem, was so anfällt, abends, im herbst, mit zwei energiebündeln, die um mich herum wuseln und alle alles gleichzeitig wissen und haben wollen. ich lachte und sagte, ja, manche würden das behaupten. ich kam gar nicht auf die idee, ein dahinter liegendes gender konstrukt zu thematisieren. dabei hat alles damit zu tun!

warum würden manche vermuten, ich sei eine hexe? wegen meiner roten haare, meiner sommersprossen und meiner überdrehten art? 'rote haare sommersprossen sind des teufels artgenossen', und 'krause haare, krauser sinn, da steckt der deibel drei mal drin', sind mir wohl bekannte sprüche aus meiner kindheit (und eigentlich sagt meine schwiegeroma das heute noch gern zu mir).

was aber ist das für ein bild von 'hexe', das sich transportiert, sobald das wort in den raum geworfen wird? ohne frage eine person, vor der ein kind angst haben muss, wie vor der hexe im 'Hänsel und Gretel'-märchen. das ist die brockenhexe, die wir der oma von einer reise mitgebracht haben, deren augen rot leuchten und die ein typisches, kreischendes hexenlachen ausspuckt und es ist die plastehexe, die letztes jahr bei dem pferfferkuchenhaus-bausatz dabei war, den wir in der vorweihnachtszeit gekauft haben. (ich höre meine freundin L. protestieren, sie ist wicca und in ihrer feministischen gemeinde sehr aktiv.)

nur wenige wochen später, gerade heute, da stritt ich mit meinem großen kind, es ging darum, wie wir uns gegenüber der_dem anderen verhalten. wir beide waren sehr ungeduldig miteinander – wie immer. er zog den kürzeren: mama, du bist wirklich immer wie eine hexe! horch, dachte ich, da ist es wieder. daher also weht der wind. hexen, wie mama, das sind frauen, die sich durchsetzen. das sind – aus der perspektive meines kindes strenge mamas, die sagen, mach jetzt den fernseher aus und wasch dir die hände und jetzt gibt es keine schokolade mehr. aber vor allem sind es mamas, die ihren willen gegen den ihrer kinder durchsetzen. warum benützt mein kind genau diese metapher – und keine andere – um unseren konflikt aus seiner perspektive zu thematisieren?

als wir uns beruhigt hatten und mit halbwegs sattem bauch am abenbrottisch saßen, griff ich das thema wieder auf: sag' mal, wie sind denn hexen? – na die haben böse augen. aber manchmal sind sie gar nicht böse.

Freitag, 10. Oktober 2014

wie ist es, ein Schwarzer Junge zu sein?


plakat in schwarzweiß, mit der aufschrift 'will this be over, by the time i have a son? anlässlich einer demonstration für Michael Brown, am 14.8.2014
"Wird das vorbei sein, wenn ich eine Sohn habe?" - Detail einer Fotografie von nefer  media, aufgenommen am 14.08.2014 im Rahmen der Proteste um den Mord an Michael Brown, CC-BY-NC-SA 2.0

im mai diesen jahres veröffentlichte das US-zine HIPMAMA einen kommentar von Beth Leibson aus New York, die darin von der frustierenden, erniedrigenden und beängstigenden erfahrung ihres 11-jährigen sohnes berichtet. Ari wird eines ladens, in dem er bummelte, verwiesen, mit der androhung, sonst würde die polizei gerufen. sein vergehen? Ari ist ein farbiges kind und steht aufgrund seiner abstammung pauschal unter dem verdacht, zu stehlen.

Beth Leibson berichtet:

"Nicht zum ersten Mal fühlte ich mich wie erschlagen von der Erkenntnis, wie machtlos ich bin, wenn es darum geht, meine Kinder vor Vorurteilen zu schützen. Ich weiß, daß ein Teil der Verdächtigungen des Ladenbesitzers sich auf Ari's Alter beziehen; vorpubertäre Jungen jedweder race haben nicht gerade einen glänzenden Ruf. Aber aus diesem Alter wird Ari herauswachsen. Dem Vergehen, ein Schwarzer in Amerika zu sein, kann er hingegen nicht entkommen. Einige Menschen nennen es 'shoppen und schwarz sein' ( 'shopping while being black'). Andere bevorzugen den Begriff 'racial profiling'." (HIPMAMA, #55, Mai 2014 5-6)

racial profiling bezeichnet die pauschale und ungerechtfertigte verdächtigung von menschen auf grund ihrer äußeren körperlichen merkmale durch angehörige offizieller sicherheitsbehörden, die diese menschen somit als potenziell kriminell abwerten. es handelt sich um eine rassistische praktik. so etwas, was Ari passiert ist, passiert auch vielen tausenden von farbigen menschen nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande. jeden tag.

Alice Lanzke schreibt dazu auf www.netz-gegen-nazis.de:

"Jeder kennt den Moment, wenn es in der Bahn heißt "Die Fahrausweise bitte". Dieser kurze Augenblick der Panik, obwohl man doch eigentlich weiß, dass man das Ticket dabei hat, nichts falsch gemacht hat. Und wenn man dann feststellt, dass der Geldbeutel zu Hause liegt anstatt im Rucksack, die Kontrolleure einen aus dem Waggon hinausgeleiten und die mitleidigen bis scharfen Blicke der anderen Fahrgäste registriert – dann macht sich schnell ein Gefühl der Erniedrigung breit.
Nun stelle man sich vor, man wäre der einzige Fahrgast, der kontrolliert wird – Tag für Tag für Tag. Und das, obwohl man einen Fahrschein hat, immer. Dennoch bekommt man ständig Misstrauen zu spüren, steht unberechtigt und willkürlich unter Verdacht – nicht nur unter dem der Kontrolleure, sondern auch dem der Mitreisenden. Die Vorstellung ist demütigend – aber für viele Menschen in Deutschland harte Realität. Nämlich dann, wenn sie einen sichtbaren Migrationshintergrund haben, wie es heißt. Mit anderen Worten: Wer vermeintlich ausländisch aussieht, wird schnell Opfer von Racial Profiling."

was dann passiert, wenn die erniedrigung, frustration und die angst nicht mehr ertragbar sind, erfahren wir aus den medienberichten rund um die tödlichen schüsse auf den Schwarzen teenager Michael Brown am 09.august diesen jahres, die in den letzten wochen und monaten am nervenkostüm der US-amerikanischen gesellschaft rütteln: demonstrationen, mahnwachen, konfrontationen, ausschreitungen. bis hin zu jenem letzten mittwoch abend, an dem erneut ein junger schwarzer mann - Venderrit D. Myers - in konflikt mit einem ehemaligen polizeibeamten gerät - und von diesem erschossen wird.

was bisher scheinbar nicht thematisiert wird, ist die gender-dimension dieser todesfälle, denen unzählige weitere - wie zum beispiel der von trayvon martin in Florida im frühjar 2012 - vorausgegangen sind. Wieso sind es immer wieder junge männliche teenager, die ins rassistische visir der beamten geraten? wieso sind es immer wieder männliche schützen, die ihre waffe gegen ihre opfer ziehen? welche spezifischen männlichkeitsvorstellungen liegen den entscheidungen un dhandlungen der polizisten und sicherheitsfachkräfte zugrunde? welche spezifischen männlichkeits-vorstellungen informieren die entscheidungen und handlungen der ins visir geratenen jugendlichen?

eine gründliche revision der gender-dimensionen, die die rassisierten vorfälle mit strukturieren, ist notwendig, um vollständig zu kären, wie es dazu kommen konnte, dass Trayvon, Michael, Venderrit und viele andere auf diese gewaltvolle weise sterben mussten.

und es ist eine reale chance für kinder, wie Ari - die, auch wenn sie jungen sind, einfach gerne bummeln gehen und sich schöne sachen anschauen.

Dienstag, 30. September 2014

praktische tips: für gendersensible elternschaft



titel: Gender Neutral Parenting
autorin: Paige Lucas-Stannard
isbn: 978-0615903521

als mutti zweier selbst-, bzw. fremdidentifizierter jungen stoße ich oft an die grenzen meiner genderkompetenz und muss definitiv noch viel lernen. wie schnell rutsche ich in die entsprechenden bezeichnungspraxen ab, z.b. wenn ich *meine* kinder lobe: „du bist ein toller junge!“, und damit gleichzeitg bewerte, anstatt ihnen raum zur selbstdefinition zu ermöglichen. auch war ich lange frustriert darüber, wie schnell dem großen die haarspangen und (schotten-!)röcke im kindergarten abgewöhnt wurden, die in der krippe noch keinerlei negative aufmerksamkeit erregten. (stichwort: "die mag ich jetzt nicht mehr. Noa sagt, das ist was für mädchen") nicht ungeduldig zu werden, fällt mir in solchen situationen so manches mal schwer, obwohl ich weiß, daß meine kinder gerade dadurch ein schlechtes gewissen entwickeln können, dass sie letztendlich daran hindert, sich selbst zu mögen. ich denke, nur menschen, die sich selbst mögen, können auch offen und herzlich auf andere menschen zugehen. dafür müssen wir einerseits akzeptieren, wenn binäre kategorisierungen (wenigstens eine zeitlang) eine wichtige rolle im leben der jungen menschen spielen, die uns anvertraut sind. andererseits müssen wir aber auch nicht tatenlos zu sehen, was daraus wird.

gerade lese ich ein buch, das den etwas irreführenden titel gender neutral parenting trägt, dessen inhalt aber meines erachtens viel besser mit gendersensibler elternschaft bezeichnet werden könnte (oder, wie Kathy und David von rebelparents es formulieren: justice engaged parenting). Paige Lucas-Stannard hat einen ganz praktischen, niedrigschwelligen leitfaden geschrieben, der nicht etwa darauf abzielt, gender in der umgebung von kindern vermeintlich auszumerzen, oder zu ignorieren. vielmehr würzt eine prise theorie den kompakten leitfaden an praktischen tips für den alltag. das ziel: aus der rosa-blauen welt eine bunte machen und dann darüber in einen fruchtbaren dialog treten. was mir bei der lektüre (wie auch bei Cordelia Fine's buch Delusions of Gender) mut gemacht hat: in einem bestimmten alter, meist zwischen 4 und 7 jahren scheint es für kleine personen ganz besonders wichtig zu sein, das kategoriale denken zu entwickeln. (unter der annahme: eine technik zu beherrschen ist die voraussetzung dafür, sie zu hinterfragen) als eine der unmittelbarsten und schon von anbeginn an zur verfügung stehenden kategorie, ist die geschlechtszugehörigkeit eine ideale übungskategorie. daher sind personen gerade im alter zwischen 4 und 7 oft über-identifiziert mit einem der zwei heteronormativen geschlechter.

an diesem punkt hab ich erstmal aufgeatmet und arbeite gerade daran, mich dazu zu überwinden, meinem großen den wunsch nach Cars-hausschuhen zu erfüllen, damit er auch weiterhin das gefühl hat, mit allen wünschen, gedanken und überlegungen zu mir kommen zu können. (na, ja, vielleicht lässt er sich ja auf welche mit dino-motiv ein, wenn ich seine gedanken noch mal auf die problematik von merchandise und überteuerten produkten lenken kann)

für einen kritisch-konstruktiven dialog, der einen respektvollen umgang miteinander ermöglicht, schlägt Lucas-Stannard den sogenannten ARLO-dialog vor: AskReflectListenObserve. das ist ein gesprächsleitfaden für konfliktsituationen, der der autorin zu folge auch einen prima leitfaden für gendersensible gesprächsrunden abgibt. im gegensatz dazu verhärten sich viele gespräche immer noch unter den aspekten TellCorrectMinimizeDistract. gerade das Tell ist eines meiner hartnäckigsten schlechten angewohnheiten. aber glüchlickerweise lebe ich mit zwei aufmerksamen menschen zusammen, von denen ich viel lerne. als ich mal wieder zu einem längeren vortrag luft holte, hieß es dementsprechend pragmatisch (und leicht genervt): „mama, nich so viel erzählen!“ da hielt ich meine klappe.

Dienstag, 23. September 2014

Lesestoff für Eltern: Die Geschlechterlüge

 titel: Delusions of Gender. The Real Science behind Sex Differences, zu deutsch: Die Geschlechterlüge. Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann
autorin: Cordelia Fine
verlag: W.W. Norton& Company, London& New York 2010, bzw. Klett Cotta, Stuttgard 2012
isbn: 978-3-608-94735-9

Fine beschäftigt sich in diesem 476 seiten starken wälzer mit der populärwissenschaftlichen verarbeitung von gehirnforschungsprojekten. in mühseliger kleinarbeit recherchierte die autorin die quellen, die zur untermauerung der starren thesen von den natürlich-biologischen geschlechtsunterschieden zwischen frau und mann herangezogen wurden und stellte dabei überrascht fest, wie oft grobe fahrlässigkeit und sogar vorannahmengeleitete bevorzugung bestimmter ergebnisse gegenüber anderen für eine eklatante falschinterpretation der hinzugezogenen neurowissenschaftlichen studien sorgen, mitunter sehr zum leidwesen der urhebenden forscher_innen. die geflügelte wortart: "Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast", erhält somit eine völlig neue dimension.

an einigen wenigen stellen, besonders im ersten drittel, hatte ich beim lesen schwierigkeiten, den argumentationen fine's zu folgen, was ohne frage auch am stoff lag: als kulturwissenschaftlerin gehe ich frei nach Haraway als feministische laiein gerne das wagnis ein, mich mit texten zu beschäftigen, deren begriffliches universum ich mir erst noch erschließen muss. vielleicht kommt noch hinzu, dass einerseits quellenintrepretation, auch und gerade, wenn es um statistiken geht, immer eine 'verschwurbelte' sache ist, andererseits genauso das thema des buchs: wie wird geschlecht hergestellt? ein undurchdringliches dickicht an biologischen, kulturellen, sozialen und individuellen verflechtungen darstellt.

die für mich wichtigsten, prägensten und in gewisser weise auch zündblitze erzeugenden erkenntnisse waren folgende:

kinder geschlechtsneutral erziehen zu wollen, ist sinnlos. (darauf weisen auch die wundervollen Kathy& David von rebelparenting hin, die alternativ lieber den ansatz des justice engaged parenting verfolgen. ich bevorzuge im deutschen den terminus gendersensible elternschaft.) Fine legt überzeugend dar, wie selbst menschen, die sich für die 'hippsten und neutralsten eltern aller zeiten' halten, in entsprechenden studien unbewusst stereotyp auf die geschlechtliche zuordnung ihrer feten(!) und neugeborenen reagiert haben. der elternbias, beeinflusst u.a. durch die eigene sozialisation, ist nicht einfach abzuschalten. nur konstante reflexion der eigenen überzeugungen und handlungen ist möglich. hinzu kommt, dass einige studien darauf hinweisen, dass eltern zwar einen anteil an der herstellung des wertehorizontes ihrer nachkommen haben, das sie aber bei gender-nicht-konformem verhalten von den eigenen kindern auch ganz schnell als abweichend von der norm klassifiziert werden. entscheidet der nachwuchs nun, dass er leiber dazugehören will, als gendergerecht zu sein, haben die eltern manchmal weniger einflussmöglichkeiten, als das weitere soziale umfeld.

und kinder suchen die soziale integration. als soziale wesen suchen wir menschen nach gruppen, zu denen wir gehören, in denen wir uns sicher fühlen (können). soziale gruppierungen bieten orientierung und sicherheit und die sozialen normen, die sie erzeugen, ebenfalls. die von fine analysierten studien deuten an, dass gerade menschen im alter von 5-7 jahren eine besonders rigide umsetzung der von ihnen beobachteten normativen kategorisierungen einfordern. als eine der wenigen kategorien, die ihnen einfach so, ohne weiteres zutun, von anfang an zugeschrieben wird, ist geschlecht für sie unmittelbar verfügbar und als identifikationsmöglichkeit vermutlich unschätzbar wichtig. ein kleiner trostpflaster für mein elternherz: nach dem 7. lebensjahr scheinen differenziertere kategorien für die identitätsbildung an bedeutung zu gewinnen, z.b. gut klettern zu können, oder gut malen zu können. aber: auch solche kategorien sind geschlechtsbezogen und welche kategorien in anspruch genommen werden, ist gebunden an die eigene, zuvor ausgebildete geschlechtsidentität.

um die in vielen untersuchungen festgestellten tendenzen zu genderkonformität selbst bei säuglingen zwischen sechs und zwölf monaten zu erklären, habe einige forscher_innen eine spannende these aufgestellt, die die wirklichkeit genderstereotypen verhaltens berücksichtigt, ohne aus den augen zu verlieren, dass gender ein 'geschwurbel' an diversen einflussfaktoren darstellt, die alle zusammen an der herstellung von geschlecht mitwirken, ohne jemals universell und überzeitlich fixiert zu sein: die wissenschaftler_innen vermuten, dass kinder, selbst babys, darauf reagieren, was andere menschen, die sie als geschlechts- genoss_innen identifizieren, tun, wie sie aussehen und sich verhalten und womit sie sich beschäftigen. außerdem reagieren sie auf positive ermutigungen ihrer bezugspersonen (erhöhte und längere aufmerksamkeit, lächeln, berühren, zuwendung). die identifikation von geschlechtsgenoss_innen folge dabei vermutlich 'biologischen mustern', wie bspw. der hormonellen ausstattung. es ist ein anpassungsmechanismus, der durch konformes verhalten dazugehörigkeit, und damit ganz einfach das überleben sichern soll. an der anpassungsfähigkeit der spezies mensch ist nach heutigem kenntnisstand schwer zu zweifeln, darum erscheint diese these so simpel, wie auch raffiniert. nun könnten sich einige aufmerksame leser_innen fragen, was dass denn nun für einen unterschied macht, wie genau der vorgang der anpassung an geschlechtliche normen von statten geht, wenn sie - die menschen - doch schon wieder auf der grundlage ihres 'biologischen geschlechts' reagieren. wozu die erbsenzählerei? weil es einen unterschied macht, ob mutti mich wickelt oder vati. der unterschied liegt in der handlungsmöglichkeit, die sich durch diesen ansatz offenbart: aus jungen-babies können prima väter werden, wenn sie von ihren vätern gelernt haben, dass es 'männlich' ist, sich um die kinderpflege zu kümmern. und aus mädchen-babies können theoretische physikerinnen werden, wenn sie von ihren müttern gelernt haben, dass das ihrer weiblichen natur entspricht.

wie aber verhält es sich mit den 1-5 auf 500 geburten, bei denen menschen zur welt kommen, deren geschlechtsmerkmale nicht eindeutig einem sogenannten männlichen oder weiblichen geschlecht zuordenbar sind? auf welcher grundlage passen diese babies sich den erwartungen an, die an sie gerichtet werden, weil irgendeine instanz, zumeist eine ärztliche festgelegt hat, welches geschlecht sie denn nun 'eigentlich' hätten? oder was macht es mit ihnen, wenn sie sich aus irgendeinem grund nicht als fähig erweisen, sich den an sie addressierten normen entsprechend zu verhalten? und wie müsste eine welt aussehen, in der alle menschen nicht jenseits, sondern gerade mit ihrer jeweiligen spezifischen biologischen ausstattung in eine gemeinschaft integriert werden, in der sie sich individuell entfalten können und gleichzeitig geborgen und sicher fühlen?

fazit: wir sind psychisch und physisch extrem anpassungsfähig. (wie das genau mit der physischen anpassungsfähigkeit geht, erklären u.a. neurowissenschaftler_innen heute mit dem spannenden konzept der neuroplastizität). alles ist möglich. aber andere denkmuster sind auch nötig, um den möglichkeiten unserer biologien gerecht zu werden.